N°4 | Distanzierte Nähe

Beitrags-Serie | Corona-Juwel

Zu einem der häufigsten Ausdrücke dieser Zeit zählt „Abstand halten“.

Viele Menschen haben es verinnerlicht und kommen den Appellen meistens nach – aus Selbst- und Fremdschutz sowie Solidarität. Einige Artgenossen legen zugleich ein scheinbar reaktantes Verhalten an den Tag. Wahrscheinlich geleitet vom Gefühl sich einen Teil der geraubten Freiheit bewahren oder wiedererlangen zu müssen.

Einerseits würden mich die Gründe dafür interessieren, andererseits wird es natürlich ein unrealistischer Wunsch bleiben, da ich nie mit all den Antworten konfrontiert werde. Für die Betrachtung der nächsten Seite des unfertigen Juwels ist das Wissen um die Gründe unerheblich, sodass ich mich gerne wieder meiner Wahrnehmung zuwende.

Fehlen der Nähe oder fehlende Distanz?

Was an der physischen Nähe lässt uns diese vermissen? Auf diese Frage wird es unzählige Antworten geben. Meine Überlegungen beziehen lediglich einige wenige Bedürfnisse mit ein, die in diesem Zustand unerfüllt bleiben können:

| greifbare Gemeinschaft | erkennbares Mitgefühl | direkt spürbare Verbindung | Verständigung, Kommunikation & Austausch von Angesicht zu Angesicht | gespiegelte Menschlichkeit | Schutz, Sicherheit & Geborgenheit | Zärtlichkeit & Sexualität | Spaß, Freude & Intensität

Die meisten Menschen streben die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft an, da diese ihnen Schutz & Sicherheit, Verbundenheit & Orientierung, sowie Struktur & Stabilität vermittelt. Das Paradoxe an der gegenwärtigen Situation ist jedoch, dass dieselbe Gemeinschaft durch Abstand und Isolation mehr Schutz und Sicherheit für viele gewährleisten kann. Verzicht und Abstand werden zur neuen Orientierung, die veränderte Strukturierungen im Kleinen und im Großen erfordert, um Stabilität sicherstellen zu können.

Mir fällt immer häufiger auf, dass ein gewisser Abstand im Alltag sich sehr angenehm anfühlen kann. Es bedeutet nicht nur Verzicht auf Nähe oder gar soziale Abschottung – Nein.

Distanz bedeutet Respekt.

Es gäbe Bereiche des Zusammenlebens in einer Gesellschaft, in denen ich es begrüßen würde, wenn wenigstens Teile der neuerlernten Regeln beibehalten würden. An dieser Stelle darf jeder seine eigenen Prioritäten setzen.

Fehlende Distanz oder auch Respektlosigkeit beziehen sich nicht ausschließlich auf die körperlichen Aspekte des jeweiligen Verhaltens, sondern auch auf die verbalen, also sprachlichen und inhaltlichen.

| Die Sprache bietet uns so viele Ausdrucksformen, es liegt nicht an ihr selbst diese zu nutzen – es sollte unser Anliegen sein, aus ihr zu schöpfen!

Die Verantwortung für das eigene Verhalten können wir nicht an andere abgeben. Es ist unerheblich in welchem Medium wir kommunizieren, entscheidend ist das Wie. Die gegebene Möglichkeit der Anonymität sollte kein Katalysator sein für:

| Wut | Zorn | Bosheit | Unsicherheit | Verzweiflung | Passivität | Frust | sowie verwandte Gefühlszustände

Ich frage mich, ob es bloß die Einschränkungen der sozialen Direktkontakte und der Aktivitätsmöglichkeiten sind, die zu manchen Widerständen in uns und gleichzeitig zum Auflehnen gegen eine „verordnete“ Distanz führen. Es beschleicht mich noch ein anderer Gedanke in diesem Zusammenhang.

Distanzierte Nähe…

… klingt zunächst abwegig und scheint einen Widerspruch auszudrücken. Einerseits streben wir nach Nähe durch Zugehörigkeit und Gleichheit, andererseits sehnen wir uns nach einer gewissen Distanz durch Autonomie und Individualität.

Durch den angeordneten Rückzug aus der bisherigen Selbstverständlichkeit hat sich der Abstand zu unserem engsten Umfeld drastisch verringert. Die gemeinsame Zeit in den eigenen „vier Wänden“ hat sich potenziert. Noch entscheidender ist die wiedererlangte Nähe zu sich selbst, was für manche Menschen ungewohnt, fremd oder gar schwer auszuhalten sein kann.

Mit Hilfe von unterschiedlichsten Ablenkungsmöglichkeiten und selbsteingebauten „Abstandhaltern“ wurden wir zu Meistern der verdrängten Bewusstheit unseres Selbst:

| Was ist mir wirklich wichtig? | Was macht mich aus? | Was brauche ich um zufrieden zu sein? | Was kann ich selbst zur Veränderung beitragen? | Wie und wann schätze ich den Wert meiner Fähigkeiten und dessen, was ich bereits habe? | Wie fühle ich? | Was würde mir helfen meine Verbindung zu mir selbst zu stärken?

Diese Auflistung können wir beliebig ausweiten, um die hemmenden Hindernisse und aufgebauten Barrieren auf dem Weg erkennen und schrittweise abbauen zu können. Das Gleichgewicht zwischen Nähe und Distanz können wir individuell beeinflussen und dafür selbstverantwortlich Sorge tragen, dass wir die uns zur Verfügung stehende Zeit nutzen.

Neugierde -> Entdeckung -> Bewusstheit -> Entwicklung

Wenn wir neugierig auf uns und auf andere bleiben, bekommen wir die Chance Neues zu entdecken. Die erlangte Bewusstheit über wertvolle Alternativen bereitet den Weg für die persönliche Entwicklung, die uns schließlich neugierig macht auf weitere Schritte.

Es ist nicht egoistisch zunächst genauer auf sich selbst zu schauen, bevor wir den Blick auf andere richten. Im Gegenteil, die eigene Klarheit erweitert die Möglichkeiten des Miteinanders. Durch das Wissen um die eigene Verantwortung wird Veränderung in einer Gemeinschaft denkbar.

Ich bin überzeugt, dass jeder den Glanz dieser Facette seines persönlichen Edelsteins beeinflussen kann. Wenn wir bereit sind darauf hinzuarbeiten, im ersten Schritt die Entfernung zu uns selbst zu verringern, um wieder in Verbindung zu kommen und des Öfteren zu bleiben.

Ich bleibe zuversichtlich

Markus

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