N°2 | Kontrolle

Beitrags-Serie | Corona-Juwel

Es fiel mir zunächst nicht leicht, mich für die erste Facette des teils behauenen Steins zu entscheiden. Schließlich folgte ich einem Impuls, wie so oft in meinem Leben.

Zunächst möchte ich den Blick auf die schattige oder dunkel gefärbte Fläche richten, die zu den größeren ihrer Art gehört.

„Es nicht in der Hand haben.“

Dieses Gefühl ist den meisten nicht fremd und löst wahrscheinlich Unbehagen aus. Dennoch gehört der Kontrollverlust seit ein paar Wochen zum Alltag vieler Menschen in unserem Umfeld, unserem Land, weltweit.

Die Erkenntnis, nicht alles selbst kontrollieren zu können, bedeutet einerseits Ungewissheit und Unsicherheit, andererseits kann Erleichterung entstehen, wenn der Kontrolldruck von kollektiven Schultern mitgetragen wird.

| Fühlt es sich leichter an, wenn wir unser „Schicksal“ mit Abermillionen teilen und uns dadurch verbunden fühlen?

Meiner Meinung nach, ja. Allerdings hängt es von der persönlichen Einstellung und den äußeren Gegebenheiten ab, was wir in einer Ausnahmesituation sehen wollen oder müssen, wenn die Angst und Verzweiflung in uns die Oberhand gewinnen. Es macht einen Unterschied, ob es uns möglich ist im „Wir“ zu denken und mitzufühlen, oder ob wir uns vorrangig dem „Ich“ widmen. Zunächst verfallen wir meist in die abgespeicherten Automatismen, die Alarm schlagen und uns gerne glauben lassen, es ginge ums nackte Überleben. Geht es in den herausfordernden Situationen wirklich immer darum zu überleben?

Ist es wahr? | Was ist wahr? | Welche Wahrheit ist richtig?

| Ist es die gedachte, die gefühlte oder die gewünschte Wahrheit, die das Prädikat „richtig oder wahr“ verdient?

Schwieriger wird die Beantwortung dieser scheinbar banalen Fragen, wenn uns bewusst wird, dass es nicht „die Wahrheit“ gibt. Die unterschiedlichsten Einflussfaktoren tragen zur Entstehung der eigenen Wirklichkeit bei, sodass jeder von uns eine andere Vorstellung davon in sich trägt. Manche Sätze der vergangenen Tage und Wochen kommen uns bekannt vor:

„Ich glaube nicht, dass es so schlimm ist oder wird, wie es aus allen Kanälen hinausposaunt!“ – um mir selbst Sicherheit zu suggerieren.

„Ich werde mich mit allem eindecken, was ich zum Überleben brauchen werde!“ – ohne den Zeitraum zu kennen.

„Aber ich muss doch etwas tun um dem Unvermeidlichen entrinnen zu können!“ – um Handlungsfähigkeit und Kontrolle behalten zu können.

„Ich will selbst entscheiden!“ – um mich nicht ausgeliefert fühlen zu müssen.

„Ich bin schließlich auch ein Teil der Gesellschaft und genau so wichtig, wie jede/r andere/r auch!“

Dem letzten Satz kann ich an dieser Stelle gerne zustimmen. „Kollektiv“ bedeutet nicht ohne Grund:

miteinander | untereinander | vereinigt | gegenseitig | vereint | gemeinschaftlich.

Das Dunkle am Kontrollverlust sind die wahrscheinlichen Störungen in der Verbindung zu unserer Ratio, die für vernünftige Gedanken sowie situationsangemessene Verhaltensweisen verantwortlich ist. Unsere Emotionen und Wahrnehmungen aktivieren den Obacht-Modus, sodass wir allzeit bereit sind für den Überlebenskampf – ICH muss!

Sich dessen bewusst zu sein, …

…, nicht alles kontrollieren zu können oder zu müssen, bringt für mich persönlich eine spürbare Entlastung mit sich. Es wird immer wieder Situationen oder Gegebenheiten geben, deren Beeinflussung nicht „in unserer Hand“ liegen wird. Dann werden wir uns wieder entscheiden dürfen, zwischen einem irrational getriebenen Agieren und der besonnenen Fähigkeit nach alternativen Lösungen zu suchen, ohne vorschnell auszubrennen. Diese Möglichkeit führt zu einem Gefühl einer tatsächlichen Handlungsfähigkeit, gleichzeitig zum gestärkten Vertrauen – in uns selbst, in andere Menschen und in die Gesellschaft.

Das Leben nimmt gewiss auch dann seinen Lauf, wenn diese Bewusstheit einkehrt und wir dem Drang nach Kontrolle widerstehen. Womöglich lebt es sich dann auch in solchen herausfordernden und ungewissen Phasen des Lebens ein Stück weit gelassener, besonnener und bewusster. Es kostet nicht viel, es auf einen Versuch ankommen zu lassen – lediglich etwas Mut mit einer Prise Neugierde.

Die Farbzuschreibung der soeben beleuchteten Seite des entstehenden Juwels liegt beim jeweiligen Betrachter, ebenso wie der Fokus, den er auf dessen Schattierungen richtet.

Ich freue mich auf weitere Entdeckungen.

Markus

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